Griechenland: Venezianer, Franzosen, Briten und der Legende nach Odysseus prägten die Ionischen Inseln und hinterliessen Spuren. So werden die Eilande zwischen Italien und dem griechischen Festland zu weit mehr als einer reinen Stranddestination
Bei Sissi blättert der Putz. Träge liegt das Anwesen, das die österreichische Kaiserin so sehr liebte, in der späten Nachmittagssonne. Ihr verehrter Achilles, zur Metallstatue erstarrt, schaut besorgt Richtung Festland. Da ziehen nämlich dunkle Wolken auf.
Viele Jahre lang lag das «Achilleion» – Sissis Residenz mit dem herrlich angelegten Garten – auf Korfu im Dornröschenschlaf. Viel zu lange hat man es Wind und Wetter der Ionischen Inseln überlassen. Die hohe Luftfeuchtigkeit gab dazu ihr Bestes, um die einst stattliche, hoch über dem Meer gelegene, mit 1-A-Blick versehene Sommerresidenz der später in Genf ermordeten Monarchin dem Verfall preiszugeben. Nun können Besucher sie nur noch von aussen teils bewundern, teils bedauern. Auf das Geld aus Athen für den nächsten Renovierungsabschnitt wartet man noch immer vergebens.
Dabei gehören das palastartige Anwesen Sissis wie auch das Schloss «Mon repos», in dem der letzte griechische König Konstantin II residierte, zu den kulturellen Höhepunkten der Ionischen Inseln zwischen dem Stiefelabsatz Italiens und Südalbanien sowie Griechenland. Tatsächlich haben die sieben Inseln, zu denen mehr als 40 kleinere bewohnte und unbewohnte Eilande gehören, viel mehr zu bieten als Sonne, Sand & Souvlaki. Man sollte sich die Zeit geben, auf Entdeckungsreise zu gehen und tiefer in die Geschichte einzutauchen.
Die liest sich in der Kurzfassung so: ehemals griechische Provinz, dann 500 Jahre unter venezianischer Herrschaft. Später kamen Napoleon und anschliessend die Briten. Erst 1864 kehrte die strategisch wichtige Inselgruppe im Ausgang der Adria zu Griechenland zurück.
Gewirr aus Altstadtgassen
Wer heute durch die von der Unesco als Weltkulturerbe geadelten Altstadt von Korfu-Stadt streift, bekommt den Geschichtsunterricht beim Vorbeigehen gratis: Die Festung bauten die Venezianer, die neoklassizistischen Liston-Arkaden vis à vis erinnern an die mondäne Rue Rivoli in Paris – obwohl sie während des britischen Protektorats errichtet wurden. Und auch die Ionische Akademie von 1824 ist den Briten zu verdanken. Dazwischen ein Gewusel aus Altstadtgassen, Restaurants, Cafés und kleinen Läden, durch das Aris – der lokale Guide von Vögele Reisen – die kleine Touristengruppe führt. Sehr charmant das Ganze, auf eine entspannte Art städtisch, so wirkt es hier. Die Besucher geniessen das Flair, sitzen bei einem Café Frappé in kleinen Cafés, die ihre Stühle und Tischchen nach draussen in dem Schatten der engen Gassen gestellt haben.
Kontrastprogramm auf Paxos und Antipaxos – zwei der ebenfalls ionischen Eilande, zu denen ein Ausflugsboot fährt. Mit dem Schiff taucht man tief in die Meereshöhlen ein, die sich über dem Meer spannen. Probiert aus, wie das Echo die eigene Stimme trägt. «Aber passt auf, dass Euch vor lauter Begeisterung das Mobiltelefon nicht ins Wasser fällt», ruft einer der Schiffsjungen und lacht. Er kennt das Spektakel schon und auch die nächste Überraschung: In einer wie extra für Instagram gemachten Bucht mit steil aufragenden Felswänden, die sich über einem Riesenbassin von türkisblauen Wellen aufbauen, wird eine Leiter vom Schiff heruntergeklappt. Die Passagiere gleiten begeistert von Bord direkt ins kühlende Nass. «Das ist ja hier wie in der Karibik», ruft Caro aus dem Tösstal und taucht erst mal unter.
Viele der Ionischen Inseln lassen sich mit den Fähren komfortabel und problemlos erreichen. Auf dem Weg zum nächsten Eiland entdeckt man bildschöne Buchten und Sandstrände, die man sonst vom Land aus übersehen würde. Um nach Lefkada zu kommen, reicht allerdings schon eine bewegliche Schwimmbrücke — so nah ist das griechische Festland. Seit letztem Sommer ist sie wegen technischer Mängel ausser Betrieb. Deshalb hat die Autofähre «Agia Faneromeni» ihre Aufgabe übernommen. Auch sie kann sich seitlich wegdrehen und so mehrfach am Tag den Weg für Segelboote freimachen.
«Viele kommen nach Lefkada, weil die Insel so grün und berühmt für ihre herrlichen Strände ist», sagt Aris, der Guide von Vögele Reisen, der perfekt Deutsch spricht und sichtlich stolz auf seine Heimat ist.
Es gibt weite, familienfreundliche Sandstrände, aber auch solche wie die bei Porto Katsiki. Dort ragen weisse Steilklippen über das türkisfarbene Meer auf und der Kontrast zwischen dem hellen Kalkstein und dem leuchtend blauen Wasser zaubert eine wilddramatische Kulisse, die vom üppigen Grün eines Pinienwaldes gerahmt wird.
In der Inselhauptstadt: ein buntes Labyrinth von Strassen, Tavernen, hübschen Shops und Cafés. Die Festung «Santa Maura» wurde schon 1300 von den Venezianern gebaut, um das Eiland zu beschützen. Wie die Insel – die viertgrösste im Ionischen Meer – wechselte auch sie mehrfach die Besitzer.
Der Palast von Odysseus
Auf Ithaka, dessen Häfen und Buchten mit Segelyachten und Katamaranen übersät sind, empfängt Odysseus in seinem Palast Besuch. Der Held der griechischen Mythologie soll die Herrschaft über die Insel von seinem Vater übernommen haben. Dort wo er der Legende nach residiert hat, ist die spätmykenische Anlage in der Nähe des Dorfes Exogi zu finden, – oder, das was davon noch übrig ist: grosse Steinquader, übereinander gesetzt. Sie wurden erst 2012 hoch über dem Meer entdeckt und werfen immer noch Rätsel auf. Aris schüttelt den Kopf: «Wir wissen bis heute nicht, wer und wie man sie hier hoch geschafft hat.» Gras und Unkraut drohen über dem Fund aus der Antike zu wachsen. Vom Staat kommt keine Hilfe. Ein junger Mann von der Insel übernimmt Verantwortung und passt auf, dass er nicht zuwuchert und sich hier nur Schlangen wohlfühlen.
Eigentlich erstaunlich, dass man an dieser Stelle überhaupt noch etwas gefunden hat. Denn ein Erdbeben der Stärke 6,3 im August 1953 auf den Inseln Kefalonia, Zakynthos und eben auch Ithaka zerstörte fast alle historischen Gebäude. Ein herber Verlust für die einst an architektonischen Kulturgütern so reichen Inseln. 476 Menschen starben, kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Relativ spät, Ende der 1970er Jahre, begann man mit dem Wiederaufbau. Hilfe kam aus den USA, Grossbritannien, Frankreich, Schweden, Nordwegen und auch aus der Schweiz. Heute strahlt das Ende des 19. Jahrhundert erbaute Theater in Zakynthos Stadt wieder rekonstruiert im weissen Glanz. Auch mehrere orthodoxe Kirchen und Klöster haben wenig von ihrer Ausdruckskraft durch Erdbeben und Wiederaufbau verloren.
Und auch auf Kefalonia – der grössten Insel der Ionischen – ist das Nonnenkloster des heiligen Gerasimos ein Beispiel dafür, das solch magischen Orte wiederauferstehen können. 1953, kurz nach dem schweren Erdbeben, behaupteten viele Inselbewohner, den heiligen Gerasimos gesehen zu haben, der sich um die Verletzten und Verschütteten kümmerte. Die Inselbevölkerung ist sehr verbunden mit ihrem Schutzheiligen, der 1555 nach Kefalonia kam. Viele nennen ihre Söhne nach ihm.